Österreich auf dem Weg zur Klimaneutralität? Karl Steininger über den zweiten Klimawandel-Sachstandsbericht
Anfang Jänner präsentierte uns Univ.-Prof. Mag. Dr. Karl W. Steininger die neuesten Erkenntnisse zum Stand Österreichs im Bereich Klimawandel. Dabei wurden unter anderem die Fragen beantwortet, ob Österreich auf dem Weg zur Klimaneutralität ist, wie Österreich seine Ziele erreichen kann oder auch welche Maßnahmen politische Entscheidungsträger*innen treffen müssten, um erfolgreiche Klimapolitik zu betreiben.

Prof. Steininger, der am Wegener Center der Universität Graz forscht, stellte zunächst den zweiten österreichischen Sachstandsbericht (AAR2) vor. Dieser Bericht des Austrian Pa nel on Climate Change (APCC) ist ein interdisziplinäres Großprojekt: Rund 200 Wissenschaftler*innen aus mehr als 50 Institutionen erarbeiteten ihn nach den Methoden des Weltklimarates (IPCC) – einschließlich der Confidence Statements und eines mehrstufigen Review-Prozesses.
Im Mittelpunkt standen die Ausgangslage und die Dringlichkeit. So ist die Temperatur in Österreich bereits um 3,1 °C deutlich über das globale Mittel angestiegen. Hitzewellen, Trockenheit und Starkniederschläge nehmen weiter zu. Die Kosten und Schäden belaufen sich heute auf rund 2 Milliarden Euro pro Jahr und könnten ohne zusätzliche Maßnahmen
bis zum Jahr 2050 auf bis zu 10,8 Milliarden Euro pro Jahr ansteigen. Besonders betroffen sind einkommensschwache Haushalte, obwohl diesen den geringsten CO2-Fußabdruck aufweisen.
Die Frage nach der Klimaneutralität beantwortete Steininger differenziert: Die Ziele für 2030 und 2040 sind erreichbar, aber nur, wenn rasch zusätzliche Maßnahmen gesetzt werden. Notwendig seien zusätzliche Investitionen von 6 bis 11 Milliarden Euro pro Jahr, eine Verdreifachung von Windkraft und Photovoltaik, die Elektrifizierung von Industrie, Mobilität und Wärme sowie eine Stärkung der Kreislaufwirtschaft.
Beim Thema der „Climate Governance“, die im Sachstandsbericht als die Gesamtheit aller Interaktionen zwischen politischen, ökonomischen und sozialen Institutionen zur Klimawandelminderung- bzw. -adaption definiert wird, verwies Steininger auf eine zentrale Schwachstelle: die Umsetzungslücke. Steininger betont, dass es bereits eine Vielzahl klimapolitischer Instrumente gebe. Deren Umsetzung sei aber oft unzureichend und zu einseitig auf Subventionen ausgerichtet. Wirksame Klimapolitik könne durch bessere vertikale und horizontale Integration, strategische Allianzen, einen durchdachten Maßnahmenmix und nationale Klimabeiräte erreicht werden.
Steiningers Fazit fiel trotz der ernüchternden Daten konstruktiv aus: Vorsorgender Klimaschutz ist deutlich günstiger als nachträgliche Schadensbewältigung und bringt zahlreiche positive Effekte. Diese reichen von der Halbierung der Energieimportabhängigkeit bis hin zur Steigerung der Lebensqualität in Österreich.
