Freitag, August 29, 2025
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Kleine Bank, große Werte

Im April hatte die Wipol einen interessanten Gast aus der Schweiz zu Besuch: Max Ruhri ist Teil der Geschäftsleitung der Freien Gemeinschaftsbank Genossenschaft Basel, kurz FGB, und hielt einen Vortrag über die Grundprinzipien wertebasierten Bankings. Für Schweizer Verhältnisse handelt es sich bei der FGB mit einer jährlichen Bilanzsumme von rund 400 Millionen Schweizer Franken um ein kleines Finanzinstitut. Doch unterscheidet es sich erheblich in seinem Wirken vom konventionellen Bankenwesen: Ein verantwortungsvoller, sowie nachhaltiger Umgang mit Geld steht im Mittelpunkt. Dabei geht es um einen „transparenten Geldfluss, der ökologisch, sozial und realwirtschaftlich ausgerichtet ist“.

Das klassische Bankenwesen als Blackbox

„Banken hätten die Möglichkeit, so viel sichtbar zu machen“, sagt Max Ruhri an diesem Freitagnachmittag. Er benutzt das metaphorische Bild einer Blackbox und meint damit, dass es bei klassischen Bankgeschäften immer nur um die Anlegerin und Anleger und deren finanzielle Vorteile geht. Denn wird das Geld angelegt, so werde es – etwas unfachmännisch gesprochen – zumeist in diversen Finanzportfolios investiert, die dem Werterhalt oder gar der Wertsteigerung dienen sollten. Ohne dass dabei näher betrachtet wird, worin das Geld eigentlich investiert wird. Klar, niemand legt sein Geld an einer Bank an, die einem nicht finanzielle Vorteile, also im besten Fall eine passive Vermehrung der Bankeinlagen, verspricht, oder?  Ruhri ist von einer anderen Logik überzeugt und erlebt diese auch im Geschäftsalltag der FGB in Basel: Denn „sobald die Blackbox transparent gemacht wird, könnten sich Allokationsentscheidungen ändern“, erklärt er. Das Öffnen der Blackbox steht hierbei für die Antwort auf die Frage: Was kann durch mein Geld eigentlich sonst noch bewirkt werden?

 

Ein Marktplatz der Projekte

Die FGB sieht sich als Finanzinstitut in der Rolle der Vermittlerin, vor allem für Treuhandgeschäfte zwischen Anleger:innen und lokalen Projekten, die auf der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten sind. Sie stellt die Infrastruktur für Beziehungsbildung bereit, veranstaltet etwa regelmäßig einen Marktplatz der Treuhandprojekte, bei denen Projekte ihre Vorhaben vorstellen können. Wenn Anleger:innen sehen, welche gemeinwohlfördernden Projekte mit ihrem Geld finanziert werden könnten, rückt der Aspekt des persönlichen, rein finanziellen Vorteils oftmals in den Hintergrund.

Natürlich bietet die Bank neben den Treuhandgeschäften auch klassische Services zur Geldanlage, wie etwas Sparkonten an. Doch rund zehn Prozent des Kreditvolumens fließen mittlerweile über Treuhandgeschäfte in Projekte, die die Gesundheit von Mensch und Natur fördern.

 

Die Sehnsucht nach persönlichem Bezug

Ruhri ist der Meinung, dass der Aspekt des persönlichen Bezugs, etwa bei der Abwicklung der Treuhandgeschäfte, einen besonderen Nerv trifft und verbindet das mit einem kurzen philosophischen Exkurs: Der Mensch habe sich im Laufe der vergangenen Jahrhunderte schon durch Vorläuferbewegungen der philosophischen Aufklärung und Entwicklungen wie der Industriellen Revolution zu einem historisch emanzipierten Wesen entwickelt. Dies habe zu einer Entfremdung von der Natur, aber auch zu einer sozialen Entfremdung geführt. Der persönliche Bezug zu anderen Personen durch den Konsum von Gütern sei über die vergangenen Jahrhunderte verloren gegangen. Dieser stelle aber eine große Sehnsucht des Menschen dar. Schließlich sei es auch die Blindheit durch fehlenden Bezug, die zu Ausbeutung von Mensch und Natur führe, erläutert Ruhri weiter.

 

Vertrauen in Kundinnen und Kunden

Eine zweite Besonderheit macht die Arbeitsweise der Bank innerhalb der Schweizer Bankenlandschaft einzigartig: Das Konzept der frei wählbaren Zinsen und Leistungsbeiträge. Vor wenigen Jahren war die Bank in einer schwierigen Lage. Damals gab es noch negative Zinsen und das Finanzinstitut drohte rote Zahlen zu schreiben. Die Geschäftsleitung war mit einer schwierigen Situation konfrontiert: Sollten nach 30 Jahren erstmals Kontogebühren eingeführt werden? Der Aufsichtsrat stimmte einem Pay-what-you-want-Prinzip zu. Bei der Entscheidung, ob die Bank in dieser Form weiterbestehen kann, wurden damit auch die Kundinnen und Kunden miteinbezogen. Diese wurden über die aktuelle Situation informiert und vor die Wahl gestellt, wie viel sie bereit wären, für die Serviceleistungen der Bank zu bezahlen. Das Ziel wurde erreicht, rund 200.000 Schweizer Franken wurden eingesammelt. Eine ziemliche Punktladung, erinnert sich Ruhri. Für den Geschäftsleiter sei das ein tolles Beispiel, wie aufgeklärte Menschen mit Themen umgingen und dass es nicht immer Regulierung brauche. “Wir muten unseren Kundinnen und Kunden zu, Verstand und Herz zu verwenden”, sagt er. Was ihn in diesem Glauben noch weiter bestärkt: Gewählte Zinsen und Gebühren korrellieren nicht mit Vermögen.

 

Resilienz durch Einbezug

Wenn also Beziehungsbildung zwischen Anlegerinnen und Projekten aktiv betrieben wird, Kundinnen und Kunden aktiv in Entscheidungen einbezogen werden, so fördere das eine ganz andere Struktur des Bankenwesens zutage: Einerseits wird die Finanzfähigkeit von Kreditnehmenden gefördert, aber auch wird dabei ein gegenüber herausfordernden Situationen resilientes System gebildet. Nicht zuletzt geht es beim wertebasierten Banking auch um die Kultivierung eines konstruktiven Prozesses, anstatt von Ausbeutung.

 

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