The Arts Of Life – Keynes‘ Zukunftsvision für unsere Generation

Erschienen in der SOWI Times, 15. Ausgabe, Wintersemester 15/16

von Felix Schmid, Matthias Steiner und Julian Zollneritsch

Der englische Ökonom John Maynard Keynes prophezeite schon im Jahr 1930 in seinem Artikel „Economic Possibilities for our Grandchildren“, dass wir in hundert Jahren erstmals von unseren „ökonomischen Zwängen“ befreit sein könnten. Dieser Vorhersage, auf die wir uns zeitlich zubewegen, haben wir uns auch inhaltlich durch den technologischen Wandel und die Digitalisierung in den letzten Jahren stark angenähert.

Es scheint unausweichlich, dass die heutigen Arbeitszeitmodelle aufgrund der Substitution menschlicher Tätigkeiten durch Maschinenarbeit nicht mehr aufrecht zu erhalten sind. Dass Arbeitszeit anders verteilt werden und wir uns die daraus entstehenden Folgen zunutze machen müssen, ist unabwendbar. Keynes Zukunftsvision – er dachte schon damals über eine 15-Stundenwoche nach – könnte sich damit tatsächlich in der Generation seiner Enkel bewahrheiten.

Wie aber würde der Mensch mit der gewonnenen Zeit umgehen bzw. ist er denn überhaupt dafür geschaffen, nur 15 Stunden pro Woche zu arbeiten? Da der Mensch laut Keynes seit seiner Existenz aus ökonomischen Zwängen handeln musste, stellt das Abweichen dieser lange antrainierten Logik eine große Herausforderung dar. Erstmals wird man die wirkliche Herrschaft über seine eigene Zeit gewonnen haben. Freizeit, die bis dato nur dazu gedient hat, sich von der Arbeit zu erholen, wird nun zu einem gestalterischen Element des Lebens. Die fundamentale Umstellung der Rahmenbedingungen bedarf einer genauso fundamentalen Anpassung der Denkweise. In Zukunft könnte der Mensch sich nicht über Arbeit, sondern über Freizeit definieren. Humanistische Grundwerte, die Neugierde an der Wissenschaft und am Entdecken, Selbstverwirklichung oder – wie Keynes es nannte – „the arts of life“ könnten in den Fokus der Gesellschaft rücken. Neben unserem Geist kann auch unser Körper von positiven Begleiterscheinung profitieren. Burnout, Stress im Beruf und keine Zeit für Familie und Freunde könnten der Vergangenheit angehören.

Da wir heutzutage in einer Zeit leben, in der unsere Grundbedürfnisse in einigen Teilen dieser Welt mehr als ausreichend befriedigt sind, können wir uns nun erstmals erlauben darüber nachzudenken, unsere zukünftigen Wohlstandsgewinne anders zu verwenden. Wohlstand, der in unserem jetzigen neoliberalen Wirtschaftssystem vor allem mit materiellen Werten assoziiert wird, gilt es neu zu denken. Ein Großteil jener, die heute und in der Vergangenheit nicht den ökonomischen Zwängen unterlagen, einer vollen Beschäftigung nachgehen zu müssen, scheiterten laut Keynes desaströs daran und sollten daher nicht als Vorbild für dieses Modell gelten. Gemeint war damit das Verhalten und die Leistung der sehr wohlhabenden Klassen in allen Teilen dieser Welt, denen er kein gutes Zeugnis ausstellte. Vielmehr spricht er von einem kollektiven Lernprozess der gesamten Bevölkerung, der nicht zu demselben Versagen führen muss, sondern der eine Richtlinie sein wird, um die neu gewonnen Errungenschaften nachhaltig, sinnvoll und zum Wohle der Gesellschaft zu nutzen.

Wir stehen nun an der Schwelle eines Umbruchs, den es zu gestalten gilt. Eine Gesellschaft ohne ökonomische Zwänge ist erstmals greifbar. Es liegt an uns, darüber zu diskutieren, zu experimentieren und daran zu arbeiten ein freies, selbstbestimmtes und erfüllendes Leben zu führen. Damit würden wir wohl tatsächlich Keynes‘ Zukunftsvorstellung für seine Enkel wahr werden lassen.

 

Nachlese: http://www.sowigraz.at/ckfinder/sowi/files/SowiTimes15_web.pdf

 

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