Samstag, Juli 20, 2024
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Mathias Binswanger: der Wachstumszwang

Wieso bedingt der Kapitalismus, dass die Wirtschaft ständig wachsen muss? Diese Frage haben wir mit dem Schweizer Ökonomen Mathias Binswanger diskutiert
Foto © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Wachstum an sich ist ein natürlicher Prozess, der sich bei verschiedensten Systemen unserer Umwelt beobachten lässt. Der Mensch etwa wächst, bis er 18 Jahre alt ist, bevor mit dem Erwachsenenalter eine deutlich längere Phase der Stagnation eingeleitet wird. Ähnlich verhielt es sich lange Zeit mit der Wirtschaft: Bis ins späte 18. Jahrhundert waren kaum bis gar keine Wachstumsraten zu vermerken; erst seit Beginn der industriellen Revolution befindet sich die Weltwirtschaft, mit Ausnahme von einigen wenigen Unterbrechungen, in einem dauerhaften Zustand des Wachstums.

Wachstum: Vom Heilsversprechen zur Zwangshandlung?

Wirtschaftliches Wachstum stellte lange Zeit ein Heilsversprechen auf eine bessere Zukunft dar. Nun zeigt sich allerdings in wohlhabenden Ländern, erklärt Professor Binswanger, dass ein weiterer Anstieg des materiellen Wohlstandes nur mäßig bis gar nicht zu einer Steigerung der durchschnittlichen Lebenszufriedenheit beiträgt. Allein dieser Fakt – von den offensichtlichen Umweltbelastungen durch stetiges Wachstum mal abgesehen – genüge, um Wirtschaftswachstum in hochentwickelten Ländern ökonomisch zu hinterfragen. Denn: Zentrale Zielgröße der Ökonomie ist das subjektive Wohlbefinden von Menschen – oder wissenschaftlicher ausgedrückt: der individuelle Nutzen. Führt eine zusätzliche Steigerung des materiellen Wohlstands nicht mehr zu einer Erhöhung des individuellen oder kollektiven Nutzens, wird es also im wahrsten Sinne des Wortes unökonomisch. Das Problem hierbei: Wachstum stellt in kapitalistischen Wirtschaften keine Option, sondern eine Notwendigkeit dar – so die These von Professor Binswanger.

Wie entsteht der Wachstumszwang?

Der Zwang zum Wachstum, erklärt Binswanger, ergibt sich aus vier Komponenten, welche sich gegenseitig bedingen und beeinflussen: Gewinn, Markt, Wettbewerb sowie Innovation. Die Unabwendbarkeit, Gewinne zu erwirtschaften, zwingt Unternehmen im Marktwettbewerb permanent dazu, innovativ zu sein, produktiver zu werden oder neue Produkte zu entwickeln. Diese Steigerung der Produktion kann sowohl quantitativ als auch qualitativ erfolgen – wichtig ist bloß, dass das BIP und damit die gesamten Einkommen einer Volkswirtschaft zunehmen. Für ebenjene Produktionssteigerung braucht es stets mehr Investitionen, welche wiederum nur durch den mittels Kreditvergabe permanent aufrechterhaltenen Geldzufluss realisierbar sind. Ohne Geldschöpfung gibt es keine Möglichkeit, Innovation gewinnbringend umzusetzen. In jenem Fall entfällt der Anreiz, innovativ zu sein.

Was folgt daraus?

Wir müssen also wachsen, so Binswanger. Das müssen wir, um wirtschaftlich erfolgreich zu bleiben, unsere Arbeitsplätze zu schützen und unsere Sozialsysteme zu erhalten. Die nicht besonders attraktive Alternative ist eine Abwärtsspirale, gekennzeichnet durch sinkende Investitionen, da die zukünftigen Gewinnerwartungen ausbleiben. Es folgen Arbeitslosigkeit sowie ein Rückgang des Konsums, was wiederum zu einem weiteren Rückgang der Investitionen und noch höheren Arbeitslosenquoten führt.

Wie sollen wir mit dem Wachstumszwang umgehen?

Binswanger schlägt zwei Strategien vor, um die negativen Auswirkungen des permanenten Wachstums zu drosseln und gleichzeitig die zuvor beschriebene Abwärtsspirale zu umgehen. Erstens müsse Wirtschaftswachstum noch deutlich stärker von Ressourcenverbrauch, Umweltschädigungen und insbesondere Treibhausgasemissionen entkoppelt werden. Neben der klassischen Effizienzsteigerung sei vor allem aber auch eine Mäßigung des Wachstums, also eine stärkere Entwicklung in Richtung Suffizienz, von Bedeutung. Um diesen Schritt Richtung Mäßigung gehen zu können, sind jedoch einige grundlegende Änderungen, wie etwa eine Reform der Aktiengesellschaft, unabdingbar, so Binswanger. Nur wenn der Grundgedanke dieser in kapitalistischen Wirtschaften dominanten Unternehmensform hinterfragt und ersetzt wird – also die Maximierung des Shareholder Values – sei ein solcher Schritt denkbar. Als alternative Unternehmensformen schlägt Binswanger Genossenschaften sowie Stiftungen vor.

Unmittelbar nach dem Referat entstand eine intensive Diskussion mit unseren Teilnehmenden, in der zahlreiche Thematiken aus Binswangers Vortrag sowie darüber hinaus kritisch beleuchtet wurden. Abschließend möchten wir uns als WIPOL Steiermark sehr herzlich für den inspirierenden Vortrag bei Herrn Binswanger bedanken, der extra den Weg aus der Schweiz auf sich genommen hat, um seine Gedanken mit uns zu teilen und zu diskutieren.

 

 

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