Freitag, August 14, 2026
News

Planspiel zu Gemeinwohlökonomie

Wie fühlt es sich an in die Rolle der Geschäftsleitung einer Schokoladefirma zu schlüpfen, Nachhaltigkeit und Fairness gegen Preisvorteile abwiegen zu müssen und marktwirtschaftliche Wettbewerbsdynamik am eigenen Leib mitzuerleben? Dieser Herausforderung stellten sich rund 25 Teilnehmende des neuen WIPOL Jahrgangs vergangenen Mittwoch bei einem Planspiel zum Thema Gemeinwohlökonomie (Link: https://germany.econgood.org/) und mussten feststellen, dass sich Gewinnstreben und Gemeinwohlinteressen nicht immer miteinander vereinbaren lassen.

Race to the bottom

Die ersten sechs Runden des Planspiels drehten sich um die Produktionsentscheidungen der 5 Schokoladefirmen und die daraus entstehende Marktbilanz. Am Eingabeblatt (siehe Bildergalerie) konnten die Gruppen den Preis pro Stück eintragen – also jenen Preis, der die Produktionskosten deckt und auch eine gewisse Gewinnspanne enthält – sowie die gewünschte Produktionsmenge eintragen. Außerdem mussten sie entscheiden, welche Priorität die fünf Kategorien „ökologische Zutaten“, „Strombezug“, „Fairer Handel“, „Löhne“ und „Arbeitsplatzqualität“ in der Produktion haben sollen. Je nachhaltiger die Produktionsentscheidungen ausfielen, desto höher wurden die Stückkosten. Ähnlich wie am realen freien Markt führte das in unserem kleinen Experiment zu einem gegenseitigen Unterbieten der Preise. Als Gewinnergruppe ging klar jene Firma hervor, welche die niedrigsten Stückkosten wählte. Während drei der Gruppen in der ersten Runde noch bewusst nachhaltige Entscheidungen trafen, wurde schnell deutlich, dass sich dies im Wettbewerb nicht „lohnt“ – und sie stiegen in den „race to the bottom“ mit ein.

 

Enthüllung des Gemeinwohlindex

Was die Teilnehmer*innen allerdings während dieser von Konkurrenz geprägten ersten sechs Runden nicht wussten: Parallel wurden bereits ihre sogenannten Gemeinwohlpunkte mitberechnet. Im LibreOffice-Tool, welches das Spiel begleitet, liegen Algorithmen zur Berechnung von „Bodenfruchtbarkeit“, „Klima-Stabilität“, „Sicherem Existenzminimum“, „Sozialer Gerechtigkeit“ und „Gesundheit und Wohlbefinden“ zugrunde; auch ein Ethikfaktor fließt hier mit ein.

Nach der sechsten Runde wurde dann im Rahmen der fiktiven UN-Konferenz „Zukunftsfähiges Wirtschaften“ das erfolgreichste Unternehmen gekürt und anschließend die jeweiligen Gemeinwohlpunkte offengelegt. Das Bild änderte sich dadurch schlagartig.

Bestehendes Marktversagen trotz Internalisierung

Nach dieser unerwarteten Wendung wurde das Spiel kurz pausiert, um über die Entstehung von Externalitäten zu brainstormen, sowie die Frage zu diskutieren „Was ist eigentlich der Zweck von Wirtschaft?“ Dabei zeigte sich eine deutliche Diskrepanz zwischen dem, was der Zweck von Wirtschaft sein sollte, und dem, was er aktuell ist.

Nach dieser Diskussionsrunde wurde das Spiel mit neuen Regeln fortgesetzt: In den folgenden Runden wurden Gemeinwohlsteuern erhoben. Je niedriger die Gemeinwohlbilanz einer Firma, desto höher fielen die zu leistenden Steuern aus. Zudem wurde der Ethikfaktor im Kundenverhalten in den Berechnungen leicht erhöht.Im gesamtgesellschaftlichen Ergebnis zeigte sich dadurch eine klare Kehrtwende hin zu einem besseren Gemeinwohl.

Während die Verkaufsmengen der Firma mit nicht-nachhaltigen Produktionsentscheidungen sanken, blieb ihr Vermögen jedoch weiterhin deutlich über dem der anderen Firmen. In der anschließenden Diskussion wurden dafür zwei Erklärungsansätze genannt: zum einen die noch zu kurze Rundenanzahl mit Gemeinwohlsteuern; zum anderen die Überlegung, dass ohne ein breites gesellschaftliches Umdenken eine reine Internalisierung über Preise möglicherweise nicht ausreicht. Am Ende blieb also die Frage offen, ob sich durch Gemeinwohlsteuern auf lange Sicht tatsächlich nachhaltige und soziale Produktionsentscheidungen durchsetzen würden.

 

Die Planspiel Materialien wurden vom Internationalen Verein zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie unter einer „Creative Commons BY-NC-SA 4.0. International Lizenz“ zur Verfügung gestellt:

https://datacloud.econgood.org/s/8ioedDDiHneAxGM

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert