Walter Ötsch: der Mythos vom entgrenzten Markt

Schrauben, die von einem Magneten angezogen werden
In Hayeks neoliberaler Theorie agiere der Markt wie ein Magnet, dessen Gesetze die Marktakteure wie Eisenspäne – oder, wie hier im Bild: Schrauben – anziehe, erklärt der Ökonom Walter Ötsch, für den dieses Menschenbild im Widerspruch zur Aufklärung steht. (Foto: Dan-Cristian Pădureț, pixabay)

Über Grundzüge der neoliberalen Ideologie, Gemeinsamkeiten mit dem Rechtspopulismus und gesellschaftliche Zukunftsszenarien sprach der Linzer Ökonom und Kulturhistoriker Walter Ötsch in seinem WIPOL-Vortrag – heuer pandemiebedingt via Zoom.

„Der Markt ist effizient, der Staat bürokratisch.“ Wer kennt diese These nicht? Für den Ökonomen und Kulturwissenschaftler Walter Ötsch, der im März für die WIPOL einen Vortrag gehalten hat, handelt es sich dabei um eine Kernthese des Neoliberalismus, der unsere westliche Welt spätestens seit den 1980er-Jahren zutiefst prägt. Ein entgrenzter Markt stehe im Zentrum der neoliberalen Ideologie, deren zentraler Denker für Ötsch der österreichische Ökonom Friedrich Hayek (1899 – 1992) ist, der die theoretischen Grundzüge des Neoliberalismus als Gegenentwurf zu Kommunismus und Nationalsozialismus in den 1930ern und 1940ern entwickelt hat. Zentral ist dabei die Idee, dass der Markt als selbstorganisiertes Wesen dem Staat als zentralen Planer bei weitem überlegen sei, was bis hin zu einer religiösen Überhöhung des Marktes führe, wenn etwa davon die Rede sei, dass man dem Markt Opfer bringen müsse. Einen Gesellschafsbegriff findet man in der neoliberalen Weltsicht dabei vergeblich: „Es gibt nur den Markt und die einzelnen Individuen. Es gibt keine Gesellschaft.“

Walter Ötsch, der sich auch politikwissenschaftlich mit dem Phänomen Rechtspopulismus beschäftigt hat, sieht zudem auch strukturelle Gemeinsamkeit zwischen neoliberalen und rechtspopulistischen Denkmustern: Letzterer drehe sich um einen Gegensatz zwischen dem Wir und dem Anderen, im Neoliberalismus werde hingegen ein Gegensatz zwischen dem Markt und dem Nicht-Markt gezeichnet. Auch eine demokratiekritische Haltung und nicht zuletzt eine Skepsis gegenüber der Wissenschaft finde man laut Ötsch in beiden Ideologien. Letzter rühre im Neoliberalismus daher, dass der Markt auch die ultimative Wissensinstanz sei, was etwa die Universitäten, die traditionellerweise als gesellschaftlicher Ort des gesicherten Wissens gegolten haben, insofern zurückdrängt.

Was bringt die Zukunft: Autoritärer Kapitalismus oder positive Politisierung?

Walter Ötsch
Walter Ötsch ist derzeit Professor für Ökonomie und Kulturgeschichte an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung in Rheinland-Pfalz. (Foto: Fotostudio Berger, Linz)

Grundsätzlich attestiert Ötsch dem Neoliberalismus eine anti-aufklärerische Haltung, da dieser den Menschen auf sein unbewusstes Handeln reduziere: Dem Markt als überbewusstem Wesen könne man sich nach der neoliberalen Anschauung gewissermaßen als Magneten vorstellen, auf den die Menschen in ihrem unbewussten Handeln wie Magnetspäne reagieren würden, weshalb der bewussten Vernunft im neoliberalen Denken nur eine untergeordnete Rolle zu komme. Die Philosophie der Aufklärung würde hingegen das Bewusstsein des Menschen in den Vordergrund stellen: Jeder Mensch verfüge über Vernunft: „Damit kann er Gesellschaft verstehen.“

Walter Ötsch, der meint, dass angesichts der drohenden Klimakatastrophe das Schicksal der Menschheit auf dem Prüfstand stehe, sieht zwei mögliche Szenarien für die politische Zukunft des Westens: Erstens ist es gut möglich, dass sich Neoliberalismus und Rechtspopulismus zu einem autoritären Kapitalismus vermengen, wie er sich derzeit etwa unter Viktor Orbán in Ungarn etabliert. Zweitens sieht Ötsch aber auch die Möglichkeit einer positiven Politisierung, wie sie sich etwa in Bewegungen wie Fridays for Future und Black Lives Matter zeige. Ötsch, der heuer 71 wird und sich selbst als Alt-68er bezeichnet, meint schließlich auch: „Wenn man sozial-ökologisch bewegt ist und sich für eine menschenfreundlichere Gesellschaft ausspricht, hat man ein positives Menschenbild und glaubt, dass Veränderung möglich ist.“ Es seien letztlich immer Minderheiten, die die Gesellschaft mit ihren Ideen prägen: „Als Kulturhistoriker kann man sagen: Die Geschichte ist offen, man muss sie nur tun.“

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