Thomas Doppelreiter: Warum Verschwörungsideologien nicht harmlos sind

Relief mit einem Auge in einem Dreieck
Das sogenannte Auge der Vorsehung ist ursprünglich ein christliches Symbol, das später u. a. von den Freimaurern aufgegriffen wurde. Heute wird es von VerschwörungstheoretikerInnen gerne mit dem Geheimorden der Illuminaten in Verbindung gebracht. Foto: Michael Knoll/Pixabay

Warum glauben so viele unserer Mitmenschen an Verschwörungserzählungen? Darüber und warum wir den Glauben daran keinesfalls als harmlos abtun sollten, haben wir im aktuellen Jahrgang mit Thomas Doppelreiter vom LOGO jugendmanagement diskutiert.

Durch die aktuelle Pandemie sind Verschwörungsideologien tagtäglich in unser aller Alltag präsent, ob wir wollen oder nicht. Die thematische Vielfalt ist schon seit jeher extrem umfangreich: sie reicht von Verschwörungserzählungen über die Gefährlichkeit von 5G über die angebliche Existenz sogenannter Chemtrails bis hin zu vermeintlich manipulierten Bildern der ersten Mondlandung.

Wer glaubt an Verschwörungsideologien?

Thomas Doppelreiter vom LOGO jugendmanagement hat sich in den letzten Jahren intensiv mit Verschwörungsideologien und den Motiven dahinter beschäftigt. Er führte in seinem Vortrag für die WIPOL Steiermark aus, dass rund ein Drittel der Menschen im deutschsprachigen Raum an zumindest eine Verschwörungsideologie glauben. Diese Menschen kann man jedoch keineswegs alle in eine Schublade stecken: es finden sich unter ihnen formal niedrig Gebildete genauso wie Akademikerinnen und Akademiker sowie Personen verschiedenster politischer Einstellungen. Was jedoch viele von ihnen eint, ist, dass sie oftmals persönliche Schicksalsschläge erlitten haben und dadurch nun ein Schwarz-Weiß-Denken an den Tag legen sowie meist stark gefühls- und emotionsgeleitet handeln.

Worin steckt der Mehrwert solcher Erzählungen?

Die individuellen Motive und der persönliche Mehrwert von Verschwörungsideologien können vielfältig sein: der gemeinsame Kampf für eine (vermeintlich) gute Sache, der Zusammenhalt in der Szene oder das Auftreten gegen ein gemeinsames Feindbild: häufig beispielsweise das (angebliche) Finanzjudentum. Zudem fühlen sich Anhängerinnen und Anhänger von Verschwörungsideologien laut Doppelreiter oftmals den anderen überlegen, da sie der Meinung sind, sie hätten die „Eliten“ und „deren Pläne“ bereits durchschaut. Sie sehen es daher als ihre Aufgabe, die übrige Bevölkerung zu warnen beziehungsweise aufzuklären.   

Doppelreiter: „Die Pandemie hat der Szene anfangs unglaublichen Auftrieb verliehen“

Durch die heute überall präsenten digitalen Medien hat sich die Verbreitung von Verschwörungsideologien und -erzählungen nochmals massiv beschleunigt und das Vertrauen in klassische Medien ist der Szene komplett abhanden gekommen. Doppelreiter dazu: „Insbesondere in der aktuellen Pandemie sind viele Menschen durch YouTube-Videos und die dahinterliegenden Algorithmen oder Telegram-Gruppen immer tiefer in eine andere Welt abgerutscht. Was oft mit einem harmlosen Hinterfragen begann, hat dann häufig dazu geführt, dass sich viele ihre eigene Welt voller Skepsis und Abneigung geschaffen haben.“

Doch auch in der Corona-Verschwörungs-Community lässt sich Altbekanntes beobachten: die Revolution frisst gerade ihre eigenen Kinder, denn innerhalb der Szene gibt es unterschiedlichste Auffassungen zur Gefährlichkeit oder überhaupt zur Existenz des Virus. Dadurch kann keine große Schlagkraft für ihre Ideen mehr entwickelt werden, wie uns Doppelreiter gegen Ende seines WIPOL-Vortrags berichtete. 

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